100 Jahre Garantie
- Jun 7
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Updated: Jun 8

Mein Elternhaus. Mein Vater tot. Eine Reflexion über Verlust, Vergänglichkeit und das, was bleibt, wenn sich alles verändert.
–
Alles zerfällt.
Ständig.
Die Zeit und der Verfall schrauben sich unentwegt weiter, völlig ignorant gegenüber unserer Befindlichkeit darüber.
Das Haus. zerfällt.
Mama zerfallen.
Ach wie heilsam und mit allem verbunden lasse ich die Zeilen vor mir in einem der Bücher eines meiner Lehrer, innerlich nickend, in mich einsickern:
„Alles Existierende ist unbeständig, dem Entstehen und Vergehen unterworfen.“
Ja, alles entsteht und geht wieder unter.
Das ist die Bedingung aller Dinge.
Und das betrifft nicht nur alles Physische. Auch unsere Gedanken und Gefühle sind dem unterworfen. Sogar das Schlechte und Unliebsame, auch Krankheit, ist nicht beständig. Der Prozess der Veränderung ist allgegenwärtig und unaufhaltsam.
„Tesam vupasamo sukho.“ steht da.
„Das Zur-Ruhe-Kommen (Akzeptieren, Anm.) ist Wohl.“
Das ist jetzt fast 10 Jahre her. Jetzt, heute, wo so vieles zerfallen, verfallen und verrottet ist, wende ich mich innerlich ab, von diesen Worten, von diesen Zeilen. Wie vermessen es doch gewesen wäre, schon Jahre zuvor es besser zu wissen.
Ankunft im Haus. Wohnzimmer. Ausruhen nach der Fahrt.
Ich ertaste mir im Dunkeln mit Daumen und Zeigefinger den kleinen, metallenen, rau-geriffelten Lichtdrehschalter der ehemals goldenenfarbenen Stehleuchte. Er geht sofort ab - ich halte ihn lose zwischen meinen Fingerspitzen. Regungslos stecke ich ihn wieder zurück und lege mich im Dunkeln auf die Couch.
Küche.
Auf einem kleinen Zettelchen, passend in ein handflächengrosses Format gerissen, recycled - auf der Rückseite sieht man es war ein Fehlausdruck - steht:
1. Abgerissener Handlauf (* gemeint ist der in den Keller)
2. Küchenbeleuchtung kaputt
Zuvor in Wien.
Ängstlich und widerwillig, dem Kommenden bewusst, packe ich eine meiner dunkeltürkisen Makita-Werkzeugtaschen und bestücke sie mit den seltsamsten Dübeln und Kabelklemmen, um still und konsequent auszuschliessen, etwas aus Papas Werkstatt im Haus zu brauchen.
Den Raum kann oder will ich noch nicht betreten.
Zerfallen eigentlich Erinnerungen?, frage ich mich.
Also ohne Erkrankung. Er hatte Demenz.
Vielleicht.
Allein schon, wie demütig wir uns auf der Suche nach Trost und unserem Geworden-sein an ihnen festkrallen - birgt nicht schon das das Potenzial eines Untergangs?
Vielleicht nicht gleich ein Zerfallen. Vielmehr winden sie sich, stülpen und zerreiben sich an der vergangenen Realität, wie sie ist oder war.
Das, was dann übrig bleibt, bleibt.
Meistens.
Ganz gleich, welche Leuchte, welches Verteilerkästchen oder welche noch so waghalsige, meist stromführende Konstruktion ich öffne: Ich sehe überall ihn. Seine Handschrift.
Die winzig kleinen Holzkeilchen in den Wandlöchern, mit einem Messer aus altem Holz abgezogen, damit sich die Dübel gut „aufdrehen“. Ich sehe ihn vor mir, wie er die Kabellitzen verzwirbelt hat und ich … ich sein Assistent, immer an seiner Seite.
(* ein undankbarer Job, obgleich er solch ein liebevoller Vater war. Bei dieser Tätigkeit war es allen schwer, zwischen fachlicher Konzentration und schlechter Laune zu unterscheiden.)
Ich komme gut voran. Noch eine Steckdose.
Manchmal schüttle ich den Kopf.
„Papa“, sage ich dann, „das geht heute nicht mehr so.“
Seine Lösungen waren immer pragmatisch. Das habe ich so sehr bewundert – und mich auch so darüber geärgert. Oft haben wir dann gestritten. Meine handwerklichen Lösungen waren ihm häufig „übertrieben“ oder einfach eine „Spielerei“.
Ja, mein ästhetischer Anspruch, selbst bei Dingen, die letzten Endes tief versteckt und nie wieder zum Vorschein kommend in einer Wand verborgen bleiben, begleitet mich bis heute.
Auch in anderen Bereichen meines Lebens.
Phase, Neutralleiter, Erdung.
Meine Handgriffe sitzen noch nach Jahren.
Diesmal ist es irgendwie anders. ich fühle mich seltsam. Erst verräterisch, dann gar überheblich, letzten Endes in tiefer, trauernder Liebe, während ich seine gezwirbelten Konstruktionen, die nun über zwanzig Jahre ihr Werk verrichteten, jetzt nach aktuellem Stand neu verlege.
„100 Jahre Garantie“, sagte er immer und grinste, erinnert sich Mama und blickt starr mit bewegungslosen Tränen in den Augen in den Raum und freut sich mechanisch über den neuen Schalter hier und dort, die neue Küchenbeleuchtung … den Handlauf.
Sie hebt ihre Hand und streichelt zärtlich über meinen Gesicht.
Keiner von uns beiden ist jetzt noch anwesend.

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